Äpfel, Birnen, Becquerel

By Mischka

Bekanntlich ist das Leben die beste Schule, wobei man im Umkerschluß in der Schule nichts fürs Leben lernt. In der 7.Klasse hab ich von meiner damals 62jährigen Deutschlehrerein, die sich tapfer weigerte, ihre Synthetikkostüme aus ihrer Referendariatszeit einer umweltverträglichen Verwertung auf einer Gefahrenstoffdeponie zukommen zu lassen, die feingliedrig zu differenzierende Bedeutung von „komisch“ gegenüber „seltsam“ gelernt. Als einer meiner Leidensgenossen auf eine mit eingefrorenem Lächeln gestellte Frage mit „Kafka kommt mir irgendwie komisch vor.“ antwortete, brach sie in ein bambiverdächtig eklektisches Lachen aus, welches sie langsam in seinen Ausgangszustand zurück gefrieren ließ. Nach einer pädagogisch sinnvollen Pause und einem kurzen Stoßgebet, welches den Herrgott dazu bewegen sollte, sie von ihrer Sisyphos-Arbeit als Lehrerein endlich durch einen Schlaganfall zu erlösen, machte sie uns unmissverständlich klar, daß wir uns keine Mutmaßungen über Kafkas humoristische Qualitäten erlauben dürften. Ihr völlig deplaziertes Lachen habe uns verdeutlichen sollen, daß der Vorzeige-Tscheche höchstens seltsam, aber ihres Wissens keinesfalls komisch gewesen sei.

Ebenfalls in der 7.Klasse lernte ich, Zahlen niemals ohne die dazughörige Einheit auszusprechen. In Geometrie sprang unser Mathelehrer und Rektor regelmäßig im n-eckigen Vieleck, wenn er auf seine Frage nach der Länge einer Strecke eine Zahl ohne Einheit um die Ohren gehauen bekam. Mit kirschrotem Kopf schrie er dann „Äpfel, Birnen, Blutwürscht oder was?“ bis ihn eines Tages tatsächlich der Schlag traf, den sich die ermattete Deutschlehrerin so lange erhofft hatte.

Um zehn Uhr eines samstäglichen Morgens klingelte eine uns unbekannte Mitarbeiterin der Hausverwaltung unermüdlich Sturm, um uns mal wieder ordentlich das Gas abzulesen. Als meine Mitbewohnerin und ich ihr endlich die Tür öffneten, wirbelte das Gasfräulein durch die Wohnung, um den sehr technisch aussehenden, liebevoll verplombten Zählern ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Wir warteten unterdessen in der Küche, wo die Heizung schon seit einigen Jahren ihren wärmenden Dienst verweigerte. Mit leichtem Ekelgefühl wühlte sich die Ableserin schließlich durch die Mülltüten, die galant an den widerspenstigen Heizkörper gelehnt waren, während ich übetrieben lässig in einer mit Knoblauchsoße verkrusteten Hose an der Spülmaschine lehnte. „Und?“ fragte meine Mitbewonerin lauernd, und schlug vorfreudig eines ihrer in Bademantel und rosa Puschen gehüllten Beine über das andere. „Zwei.“ tappte die Ableserin unbedacht in die Falle. „Aha!“ platzte es wie mit einer Stimme aus uns hervor. „Komisch. Die Heizung ist schon seit Jahren kaputt.“ Angestrengt musterte die Ableserin uns offensichtlich autonome schwarze Schafe in einem ansonsten von gutbrügerlichen Jungfamilien bewohnten Haus. Die ganze Woche hatten wir Penner wohl auf diesen Moment des Triumphes gewartet. Und nun hatten wir die Dreistigkeit, ihr gasdichtes Ergebnis nicht als seltsam oder ungewöhnlich, sondern als komisch, gar lächerlich zu kritisieren. „Klassischer Verdunstungseffekt.“ bellte das Gashuhn trotzig. Meine Mitbewohnerin wollte sich mit solch einer seltsamen Ausrede nicht abspeisen lassen und hakte entschlossen nach. Sie wollte eine Lanze für all diejenigen brechen, die zu unrecht für „Zwei“ bezahlen, nachdem „Zwei“ einer unbekannten, rosa-öligen Flüssigkeit in ihre Küche verdunstet waren. „Ist das viel, ZWEI?“ fragte sie sichtlich irritiert, da sie die Maßeinheit wohl überhört haben mußte. Die Ableserin verlor zusehends die Geduld mit uns Tagedieben: „Zwei ist sowas wie Null Komma Null eins.“ Ich schaltete schnell und schlug den Ball mit tatkräftiger Unterstützung meines ehemaligen Mathelehrers unhaltbar in die äußerste rechte Ecke des Platzes: „So was wie Null Komma Null Eins… Äpfel, Birnen, Becquerel?“ Ich grinste siegessicher in ein verständnisloses Gesicht. „Jaja, sowas in der Art.“ antwortete das Gasfräulein resigniert und wirbelte schneller aus unserem Leben, als es hineingewirbelt war.

Ich habe mich wohl immer geweigert, die wichtigste Lektion anzunehmen, die die Schule zu lehren vermag: „Keiner mag Klugscheisser!“ Vielleicht bringt mir das Leben diese Lektion jetzt auf die harte Tour bei. Möglicherweise besitze ich das nächste Mal die Weisheit und lasse fünfe gerade sein – oder auch Null Komma Null eins.

Eine Antwort zu „Äpfel, Birnen, Becquerel“

  1. bix sagt:

    Den einen oder anderen Lacher hast Du mir entlocken können (schlug den Ball mit tatkräftiger Unterstützung meines ehemaligen Mathelehrers unhaltbar in die äußerste rechte Ecke des Platzes; während ich übetrieben lässig in einer mit Knoblauchsoße verkrusteten Hose an der Spülmaschine lehnte). …

    Gruß, Bix.

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